Was ist Factoring und welche Vorteile bietet es?

Oliver
Oliver September 2022 Fintech Content Editor 8 Min

Inhaltsverzeichnis

Factoring ist eine Möglichkeit, um kurzfristig die Liquidität Deines Unternehmens zu erhöhen. Diese Art der Finanzierung wird immer häufiger bei Neugründungen und von kleinen und mittelständischen Unternehmen genutzt, um schnell und vergleichsweise unkompliziert an Geld zu kommen.

Du hast noch nie von Factoring gehört? Finde jetzt heraus, was hinter dieser Art der Unternehmensfinanzierung steckt und ob es als Alternative zu einem Firmenkredit in Deinen Finanzplan passt.

Factoring: das Wichtigste im Überblick

  • Factoring ist eine Finanzierungsart, bei der Unternehmen offene Forderungen an eine Factoringgesellschaft abtreten.
  • Je nach Art des Factorings übernimmt der Factor die Forderungsfinanzierung, den Delkredereschutz sowie das Forderungsmanagement.
  • Für ihre Leistung erhebt die Factoringgesellschaft eine Servicegebühr in Höhe von 0,5 bis 5 % der Rechnungssumme.
  • Unternehmen jeder Größe und Branche nutzen Factoring, um ihre Liquidität zu erhöhen, Investitionen besser planen zu können und ihre Buchhaltung zu entlasten.

Definition: Was ist Factoring?

Einfach erklärt ist Factoring eine Art der Unternehmensfinanzierung, bei der ein Unternehmen seine offenen Forderungen an eine Factoringgesellschaft, auch Factor genannt, verkauft. Dieser Factor kann eine Bank oder ein anderer Finanzdienstleister sein.

Durch die Abtretung der Schuld wird eine offene Rechnung durch den Factor beglichen. Man könnte auch sagen, der Unternehmer kann als Gläubiger seine Forderungen gegenüber einem Schuldner unmittelbar durchsetzen.

Die Factoring-Gesellschaft bezahlt also erst einmal die offenen Rechnungen Deiner Kunden und holt sich das Geld im nächsten Schritt von ihnen zurück. Gleichzeitig gewinnst Du dadurch sofort neue Liquidität.

Die Factoring-Gesellschaft zahlt Dir den Rechnungsbetrag abzüglich einer Provision, die sie für ihre Dienste einbehält. Diese liegt in der Regel zwischen 0,5 und 5 % und setzt sich aus Zinsen und Factoringgebühren zusammen.

Schau Dir dazu auch unser Video an. Hier findest Du eine Zusammenfassung mit Beispielen zum Thema Factoring.

Factoring vs. Inkasso

Zwar handelt es sich bei beiden Begriffen um die Abtretung einer offenen Forderung an Dritte. Der entscheidende Unterschied ist allerdings der Zeitpunkt, zu dem Du als Gläubiger unbezahlte Rechnungen abtreten kannst. Beim Factoring kannst Du offene Forderungen sofort nach Rechnungsstellung an einen Factor abtreten. Um ein Inkassounternehmen damit zu beauftragen, Schulden einzutreiben, muss Dein Kunde erst in Zahlungsverzug geraten und bereits die erste Mahnung von Dir erhalten haben.

Der Factoring-Prozess: Wie funktioniert Factoring?

Nehmen wir einmal an, Du hast einem Kunden eine bereits erbrachte Leistung oder ein geliefertes Produkt in Rechnung gestellt. Das Zahlungsziel, das Du Deinen Kunden oder Geschäftspartnern gewährst, hast Du auf 14 Tage festgelegt. Alternativ kannst Du auch die gesetzlich vorgeschriebene Zahlungsfrist von 30 Tagen nutzen oder individuelle Fristen mit Deinen Kunden vereinbaren. 

Diese Frist musst Du als Unternehmer erst einmal abwarten. Solange der Kunde seine Rechnung nicht begleicht, steht Dir das Geld nicht für weitere Investitionen zur Verfügung. Reizen Kunden die Zahlungsfrist aus oder zahlen ihre Rechnungen sogar erst verspätet, führt das insbesondere bei neu gegründeten, aber auch bei kleinen und mittleren Unternehmen schnell zu Liquiditätsengpässen. 

Firmenkredite sind hier nicht unbedingt die beste Lösung: Bevor Dir das Geld tatsächlich zur Verfügung steht, überprüfen die Banken zunächst Deine Bonität. Diese Prüfung nimmt Zeit in Anspruch, die Du vielleicht nicht hast – schließlich musst auch Du Deine Verbindlichkeiten pünktlich begleichen. 

Hier kommt das Factoring als Möglichkeit, diese Liquiditätsengpässe schnell und unkompliziert zu überbrücken, ins Spiel. Im Einzelnen läuft der Prozess des Factorings wie folgt ab:

  • Dein Unternehmen liefert eine Ware/Dienstleistung und stellt dem Kunden dafür eine Rechnung.
  • Um schneller an Dein Geld zu kommen, beauftragst Du eine Factoring-Gesellschaft.
  • Der Factor prüft die Bonität Deines Kunden, also ob der Kunde zahlungsfähig ist.
  • Bei erfolgreicher Prüfung verkauft Dein Unternehmen die Forderung an den Factor (Forderungsverkauf). Damit trittst Du diese Forderung an den Factor ab und kannst sie selbst nicht mehr gegenüber Deinem Kunden geltend machen.
  • Der Factor überweist Dir einen Großteil der Rechnungssumme (meist 80 bis 90 %) innerhalb von 1 oder 2 Werktagen.
  • Dein Kunde zahlt die Rechnung, also die offene Forderung, jetzt direkt an den Factor.
  • Nach Erhalt des Geldes überweist der Factor Dir den Rest der Rechnungssumme, behält aber einen kleinen Teil als Provision ein. Diese liegt meist zwischen 0,5 und 5 %.

Welche Vorteile bietet Factoring?

Der wohl größte Vorteil des Factorings ist, dass Du Dein Geld aus offenen Forderungen innerhalb kürzester Zeit erhältst. Dadurch steigerst Du Deine Liquidität und kannst Geldeingänge zuverlässiger planen. Gleichzeitig weist Deine Bilanz keinen hohen Forderungsbestand auf, was sich bei der Suche nach Investoren, einem Kreditantrag oder bei einer Bonitätsprüfung positiv auswirkt.

Da Du die Forderung an den Factor abtrittst musst Du Dich zudem auch nicht um den Mahnprozess kümmern, wenn ein Kunde der Zahlungsaufforderung nicht nachkommt, und entlastet so Deine eigene Buchhaltung. Gleichzeitig trittst Du in der Regel das Zahlungsrisiko an den Factor ab und schützt Dich so vor Zahlungsausfällen. Du erhältst in jedem Fall den Rechnungsbetrag abzüglich der vereinbarten Provision. 

Factoring kann aber auch Vorteile für Deine Kunden haben. Da Du Deine Forderungen unmittelbar nach Rechnungsstellung abtreten kannst und Dein Geld, unabhängig davon, wann Dein Kunde die Rechnung begleicht, innerhalb von wenigen Tagen erhältst, kannst Du ihnen eine längere Zahlungsfrist einräumen.

Für wen eignet sich Factoring?

Factoring eignet sich für Unternehmen jeder Größe und unterschiedlicher Branchen. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Freiberufler sichern sich so häufig ihre Liquidität. Große Unternehmen nutzen diese Finanzierungsmethode, um Investitionen besser planen zu können. Factoring wird häufig auch bei Neugründungen oder von Start-ups genutzt.

Welche Arten von Factoring gibt es?

Es gibt verschiedene Arten des Factoring. Je nach Modell übernehmen die Factoring-Gesellschaften unterschiedliche Aufgaben. Unabhängig davon, für welche Variante Du Dich entscheidest: Erkundige Dich zuvor genau bei den möglichen Anbietern über Leistungen, Konditionen und den Prozess.

Standardfactoring

Beim Standardfactoring erhältst Du das volle Servicepaket: Der Factor übernimmt die Haftung für den Eingang der Forderung (Delkredereschutz), die Forderungsfinanzierung sowie Dein komplettes Forderungsmanagement. Deine Vorteile: Dein gesamter Umsatz wird vorfinanziert, Du sicherst Dich gegen Zahlungsausfälle ab und sparst Personalkosten in der Buchhaltung ein. Diesen Service lassen sich die Factoring-Gesellschaften allerdings auch entsprechend bezahlen.

Echtes Factoring

Das echte Factoring entspricht im Prinzip dem Standardfactoring. Entscheidend hierbei ist, dass der Factor die Delkrederefunktion übernimmt und Du Dich damit vor Zahlungsausfällen schützt.

Unechtes Factoring

Beim unechten Factoring wird die Delkrederefunktion nicht vom Factor übernommen und Du trägst das Risiko für einen Zahlungsausfall selbst. Die Art des Factorings bietet bei offenen Forderungen von Kunden mit nachweislich guter Zahlungsmoral an. Du kannst Dir vergleichsweise sicher sein, dass Du sie ihre Rechnungen fristgerecht begleichen, und erhältst Dein Geld unabhängig von der Zahlungsfrist bereits nach 1 bis 2 Tagen.

Fälligkeitsfactoring

Beim Fälligkeitsfactoring übernimmt der Factor nur das Inkasso. Das bedeutet, Du erhältst Dein Geld nicht im Voraus, sondern erst, wenn Dein Kunde die offene Forderung beim Factor beglichen hat. Das Zahlungsausfallrisiko trägst Du dabei selbst. 

Offenes Factoring

Beim offenen Factoring weiß Dein Kunde, dass Du seine offenen Rechnungen an eine Factorgesellschaft abtrittst. 

Stilles Factoring

Factoring kann Dir negativ ausgelegt werden: Es könnte der Eindruck entstehen, dass Du dringend auf Geld angewiesen bist oder der Zahlungsmoral Deiner Kunden misstraust. In diesem Fall erfahren Deine Kunden beim stillen Factoring nicht, dass Du ihre offenen Forderungen an einen Factor abgetreten hast. 

Inhouse Factoring

Diese Variante des Factorings ist vergleichsweise günstig und damit besonders interessant für Gründer, Start-ups oder KMU: Die Debitorenbuchhaltung, das Mahnwesen und Inkasso verbleiben in Deinem Unternehmen, wodurch sich die von der Factoring-Gesellschaft erhobene Gebühr verringert.

Was kostet Factoring?

Factoring-Gesellschaften verlangen eine Gebühr für ihren Service. Diese setzt sich aus Zinsen und einer Factoringgebühr zusammen und orientiert sich an der Höhe der Rechnung. Du erhältst zunächst je nach Vereinbarung 80 bis 90 % der Rechnungssumme. Die Restzahlung erhältst Du, sobald Dein Kunde die Rechnung beim Factor bezahlt hat. Ein Großteil der Factoring-Anbieter behält zwischen 0,5 und 5 % der Zahlung als Servicegebühr ein.

Factoring in der Praxis: Eine beispielhafte Factoring-Rechnung

Du kannst regelmäßig mehrere Rechnungen zusammen oder auch einzelne Rechnungen – beispielsweise über eine hohe Summe mit einem langen Zahlungsziel – abtreten. Mal angenommen, Du möchtest eine Rechnung im Wert von 150.000 € und einem Zahlungsziel von 30 Tagen an eine Factoringgesellschaft verkaufen. Du entscheidest Dich für das Standardfactoring und wählst einen Anbieter, der Dir innerhalb von 2 Tagen 80 % der Summe auszahlt und dafür eine Factoringgebühr in Höhe von 1 % und einem Factoringzins in Höhe von 2 % p. a. verlangt. Demnach ergibt sich beim Factoring die folgende Rechnung:

Summe der abgetretenen Forderungen150.000 €
Factoringgebühr (1 %)1.500 €
Zinsen (2 % p. A) auf den ausgezahlten Betrag i. H. v. 120.000 €197,26 €
Servicegebühr gesamt1.697,26
Liquiditätsgewinn148.302,74 €

Fazit: Factoring als Geschäftsmodell?

Factoring ist eine Art der Finanzierung, die vor allem dann zu empfehlen ist, wenn Du als Unternehmer darauf angewiesen bist, jederzeit flüssig zu bleiben, um frische Investitionen für neue Aufträge zu tätigen. Beim Standardfactoring erhältst Du nicht nur die Finanzierungssumme abzüglich einer Servicegebühr, sondern trittst gleichzeitig das Forderungsmanagement und das Zahlungsausfallrisiko an den Factor ab. Trotz der Kosten, die Du der Factoringgesellschaft zahlst, steht Dir dank der Vorfinanzierung Deiner offenen Rechnungen innerhalb kürzester Zeit Geld, das Du investieren kannst, um Dein Geschäft erfolgreich weiter auszubauen. Eine spannende Alternative also für Unternehmen jeder Größe und aller Branchen. 

Business Banking Online Konto für Firmen
Business Banking Online Konto für Firmen

Gutes Business beginnt mit gutem Banking

Penta bietet Dir den Freiraum, Dich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren – Dein Business.

Häufig gestellte Fragen zum Factoring

Factoringgesellschaften können Banken oder andere zugelassene Finanzdienstleister sein. Es gibt zahlreiche Anbieter auf dem Markt, die sich auf Factoring spezialisiert haben – beispielsweise Fundflow oder Billie. 

Laut dem Deutschen Factoring Verband e. V. wird Factoring überwiegend von Unternehmen der folgenden Branchen in Anspruch genommen: Handel und Handelsvermittlung, Metallverarbeitung, Ernährungsgewerbe, Herstellern von Maschinenerzeugnissen, Maschinenbau, verarbeitendem Gewerbe, Herstellern von chemischen Erzeugnissen, Fahrzeugbau, Elektronik/elektronische Bauelemente sowie dem Papier-, Verlags- und Druckgewerbe.

Factoring kann sich negativ auf das Image eines Unternehmens auswirken. Zudem müssen Unternehmen die Servicegebühr der Factoringgesellschaften in ihrer Kostenplanung berücksichtigen. 

Factoringgesellschaften prüfen grundsätzlich die Bonität ihrer Kunden. Noch wichtiger als Deine eigene Bonität ist allerdings der Wert Deiner Forderung. Hierzu zählt insbesondere die Bonität Deines Kunden, da der Factor Delkrederefunktion übernimmt und damit im Fall einer Zahlungsunfähigkeit auf der Schuld sitzen bleibt. 

Factoringgebühren werden als betriebliche Aufwendungen gebucht. 

Als Reverse Factoring wird die Vorfinanzierung von erhaltenen Dienstleistungen oder Waren bezeichnet. Man spricht daher auch von der Einkaufs- oder Lieferantenfinanzierung. Anders als beim klassischen Factoring wird der Factor nicht vom Lieferanten, sondern vom Abnehmer beauftragt.

Nach oben