Insolvenz anmelden: Was Du über das Insolvenzverfahren und Deine Pflichten als Unternehmer wissen solltest

Yasmin Juni 2020 8 Min

Insolvenz bedeutet, dass ein Schuldner seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber seinen Gläubigern nicht mehr nachkommen kann. Im ersten Quartal 2020 meldeten die deutschen Amtsgerichte insgesamt 4.683 Unternehmensinsolvenzen. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) ist die Zahl der angemeldeten Insolvenzen gegenüber dem Vorjahresquartal damit um 3,7 Prozent zurückgegangen. Im Hinblick auf die Corona-Pandemie erscheint die Zahl überraschend gering, was u. a. daran liegt, dass die Insolvenzantragspflicht für geschädigte Unternehmen seit dem 1. März 2020 ausgesetzt ist.

Die Statistik beruht auf den Angaben der Insolvenzgerichte, die im Rahmen eines Insolvenzverfahrens bemüht sind, einen gerechten Ausgleich zwischen überschuldeten und zahlungsunfähigen Schuldnern und ihren Gläubigern zu schaffen. Grundlage für das Insolvenzverfahren bildet die Insolvenzordnung (InsO).

Was ist Insolvenz?

Wenn die Ausgaben die Einnahmen eines Unternehmens übersteigen, kann es seinen finanziellen Verpflichtungen aufgrund mangelnder Liquidität nicht mehr nachkommen. Gerät ein Unternehmen durch akute oder drohende Zahlungsunfähigkeit in die Lage, seine Rechnungen, Raten für Kredite oder Mietzahlungen nicht mehr begleichen zu können, spricht man von Insolvenz. Scheitern gehört im Geschäftsleben dazu: Damit die Insolvenz die Betroffenen aber dauerhaft belastet, sorgt das deutsche Insolvenzrecht im Rahmen des Insolvenzverfahrens für die geordnete Bereinigung der Schulden. Ziel ist es, mit einem geregelten Schuldenabbau Unternehmen und Selbstständige von ihren Schulden zu befreien und Gläubigern ihr Geld zu beschaffen. Geführt wird das Verfahren von Insolvenzgerichten.

Für Dich als Unternehmer, Selbstständiger, Freiberufler oder Freelancer sind die beiden Seiten des mit dem Insolvenzrecht angestrebten Interessenausgleichs gleichermaßen relevant: Musst Du Insolvenz anmelden, bist Du im Anschluss an den Prozess in der Lage, als Unternehmer wieder schuldenfrei neu durchzustarten. Meldet einer Deiner Kunden oder Geschäftspartner Insolvenz an, sorgt das Insolvenzrecht dafür, dass Deine Forderungen weitestgehend getilgt werden, sodass Du selbst nicht Gefahr läufst, zahlungsunfähig zu werden.

Ursachen, die zur Zahlungsunfähigkeit führen

Es sind zahlreiche Ursachen denkbar, die Dich als Unternehmer in die Situation bringen, Insolvenz anmelden zu müssen. Eine verantwortungsvolle Unternehmensführung bildet zwar eine gute Grundlage, schützt Dich aber nicht vor äußeren Umständen. Bei unvorhersehbaren Schwierigkeiten wie einer rückläufigen Auftragslage, hohen Steuerrückzahlungen, Kunden, die ihre Rechnungen nicht rechtzeitig zahlen, oder die Notwendigkeit, kurzfristig neue Maschinen anschaffen zu müssen, gerätst Du schnell in finanzielle Schieflage. Wer ausreichend Rücklagen gebildet hat, kann zumindest eine gewisse Zeit überbrücken. Unfall und Krankheit bedeuten für Selbstständige, Freiberufler oder Freelancer häufig ebenfalls schnell das finanzielle Aus. Wer sich nicht ausreichend abgesichert hat, kann Ausfälle meist nicht kompensieren und ist gelungen, Insolvenz anzumelden.

Das Insolvenzrecht unterscheidet zwischen drei Gründen für die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens:

  1. Überschuldung: Deckt das Vermögen eines Unternehmens bestehende Geldforderungen nicht länger ab, gilt es als überschuldet.
  2. Akute Zahlungsunfähigkeit: Ein Unternehmen ist nicht mehr in der Lage, seinen fälligen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.
  3. Drohende Zahlungsunfähigkeit: Gehen die Aufträge eines Unternehmens zurück und es gelingt nicht, neue Kunden zu akquirieren und neue Aufträge abzuschließen, ist absehbar, dass einem Unternehmen die Zahlungsunfähigkeit droht.

Insolvenzantragspflicht: wann Du Insolvenz anmelden musst

Unabhängig davon, ob die Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung durch fehlerhaftes Management oder unverschuldet zustande kommt, besteht für Kapitalgesellschaften die Insolvenzantragspflicht. Die genauen Fristen hängen von der Rechtsform eines Unternehmens ab.

Der Geschäftsführung einer GmbH oder Gesellschaften wie der GmbH & Co. KG, bei denen keine natürliche Person als Gesellschafter persönlich und unbeschränkt haftet, bleibt bei Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung eine Frist von drei Wochen, um die Insolvenz abzuwenden. Abhängig von den Gläubigern und der Höhe der Schulden können Unternehmen zur Abwendung der Insolvenz einen kompletten oder teilweisen Schuldenerlass anstreben. Dies kann durch Bürgschaften von anderen Unternehmen, absenken fälliger Kreditraten oder der Stundung von Verbindlichkeiten erreicht werden, um die Zahlungsfähigkeit des Schuldners wieder herzustellen. Gelingt es der Geschäftsführung innerhalb dieser Frist nicht, ist sie gesetzlich dazu verpflichtet, unverzüglich einen Insolvenzantrag zu stellen. Wer dieser Pflicht nicht nachkommt, erweckt den Straftatbestand einer Insolvenzverschleppung und muss mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren rechnen.

Im Zuge der Corona-Pandemie hat die Bundesregierung Anfang März 2020 die dreiwöchige Insolvenzantragspflicht ausgesetzt. Aus organisatorischen und administrativen Gründen ist nicht sichergestellt, dass Hilfe für Unternehmen, die aufgrund der Auswirkungen der Corona-Epidemie in Zahlungsschwierigkeiten geraten sind, innerhalb der Frist von drei Wochen bei ihnen ankommen. Die Aussetzung der Antragspflicht bleibt bis zum 30. September 2020 in Kraft, um zu vermeiden, dass Insolvenzanträge gestellt werden müssen, weil die Bearbeitung von Anträgen auf öffentliche Hilfen bzw. Finanzierungs- oder Sanierungsverhandlungen nicht rechtzeitig abgeschlossen werden können.

Bei Selbstständigen, die als Einzelunternehmer oder Gesellschafter einer Personengesellschaft persönlich für entstandene Verbindlichkeiten haften, besteht keine Antragspflicht.

Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens: So meldest Du Insolvenz an

Der Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wird beim Insolvenzgericht eingereicht. Die Insolvenzordnung unterscheidet zwischen privaten Insolvenzen, den Verbraucherinsolvenzen, und Unternehmensinsolvenzen, den sogenannten Regelinsolvenzen. Offiziell gilt ein Unternehmen erst dann als insolvent, wenn das Insolvenzverfahren eingeleitet wurde.

Insolvenzbekanntmachung

Hat ein Unternehmen die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beim Insolvenzgericht beantragt, wird diese Information von den Insolvenzgerichten online im Insolvenzregister bekanntgemacht.

Die Regelinsolvenz bei Unternehmen

Die Regelinsolvenz greift sowohl bei Unternehmen als auch bei Freiberuflern oder Einzelunternehmern. Bei juristischen Personen durchläuft die Insolvenz drei Schritte: Einleitung, Durchführung und Aufhebung des Insolvenzverfahrens. Einzelunternehmer, Freiberufler, Freelancer und Solo-Selbstständige zählen zu den natürlichen Personen. Bei ihnen schließt sich mit der Wohlverhaltensperiode ein vierter Schritt an.

Voraussetzung, um die Regelinsolvenz einzuleiten, sind mindestens 19 Gläubiger, die Forderungen an ein Unternehmen stellen sowie offene Verpflichtungen aus Arbeitsverhältnissen wie nicht gezahlte Löhne, Sozialabgaben und Steuern. Der Schuldner ist verpflichtet, bei Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anzumelden. Der Antrag auf Regelinsolvenz kann aber auch von den Gläubigern gestellt werden. Nach deutschem Recht erhalten im Inland beschäftigte Arbeitnehmer dann zum Ausgleich ihres ausgefallenen Arbeitsentgeltes ein sogenanntes Insolvenzgeld von der Agentur für Arbeit.

Anders als bei der Privatinsolvenz sind Unternehmen nicht verpflichtet, sich vor Antragstellung außergerichtlich mit ihren Gläubigern zu einigen.

Das Insolvenzgericht leitet das Insolvenzverfahren ein und bestimmt bei juristischen Personen einen unabhängigen Insolvenzverwalter, der die Schuldenlast des Unternehmens und die Insolvenzmasse ermittelt.Diese umfasst alle Zahlungsmittel, die einem Schuldner noch zur Verfügung stehen. Dazu zählen auch eventuell eingebrachtes Eigenkapital sowie Vermögen, das während des Insolvenzverfahrens erzielt wurde. Darüber hinaus erstellt er die Insolvenztabelle, ein Verzeichnis aller angemeldeten und von ihm geprüften Forderungen der Insolvenzgläubiger.

Alternativ bietet die Insolvenzverordnung auch die Möglichkeit der Eigenverwaltung. D. h. Der Schuldner verwaltet unter Aufsicht eines Sachverwalters die Insolvenzmasse selbst. Diese Möglichkeit verfolgt den Zweck, das unternehmerische Know-how bestmöglich für die Sanierung eines Unternehmens zu nutzen.

Natürliche Personen müssen im Rahmen des Verfahrens ihr pfändbares Vermögen zur Verfügung stellen. Das unpfändbare Vermögen dient der Sicherung ihres Lebensunterhalts. Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Freiberufler und Selbstständige ihre Schulden zumindest teilweise begleichen können, dürfen sie ihrer Tätigkeit auch während der Durchführung des Insolvenzverfahrens weiterhin nachgehen.

Nach dem der Insolvenzverwalter den Gläubigern die wirtschaftliche Situation des Unternehmens offengelegt hat, beschließen diese im Rahmen der Gläubigerversammlung, wie die Schulden möglichst gerecht beglichen werden können. Im Anschluss an die Verteilung wird das Verfahren vom Insolvenzgericht wieder aufgehoben.

Zusätzlich prüft die Gläubigerversammlung, die Möglichkeit für eine erfolgreiche Sanierung eines Unternehmens. Bestehen gute Chancen, das Unternehmen zu erhalten, werden im Rahmen des Insolvenzplanverfahrens individuelle Regelungen festgelegt, die von den gesetzlichen Vorgaben für eine Regelinsolvenz abweichen können. Dieser Plan wird einer gerichtlichen Prüfung unterzogen. Stimmt die Gläubigerversammlung dem Plan zu, entscheidet das Gericht über die offizielle Bestätigung des Insolvenzplans. Damit wird der Plan und rechtskräftig und die darin festgelegten Regelungen sind für alle Vertragsparteien verbindlich. Besteht keine gute Prognose zur Erhaltung eines Unternehmens, wird es nach Verteilung der Insolvenzmasse aufgelöst.

Bei natürlichen Personen schließt sich die Wohlverhaltensperiode mit dem Ziel der sogenannten Restschuldbefreiung an. Unabhängig von der Höhe der Schulden sorgt sie dafür, dass Unternehmen, Freiberufler oder Selbstständige nach Ablauf einer gewissen Zeit wieder schuldenfrei sind und nicht dauerhaft unter der Insolvenz leiden. Die Länge des Zeitraums beträgt in Abhängigkeit von der Höhe der vereinbarten Rückzahlungen drei bis sechs Jahre.

Informationen über Privatinsolvenzen sowie über eine mögliche Restschuldbefreiung werden in der Regel drei Jahre lang von der SCHUFA gespeichert, was sich meist negativ auf Deine Bonität aus.

Das Insolvenzverfahren als Chance für Deine weitere unternehmerische Zukunft

Wer in die Selbstständigkeit startet, wird sich natürlich nicht als erstes mit dem möglichen Scheitern seines Unternehmens beschäftigen. Die Selbstständigkeit birgt aber Risiken, sodass Du Dich auf jeden Fall mit der Insolvenzantragspflicht und dem Insolvenzverfahren auseinandersetzen solltest. Wer den Antrag auf Insolvenz so weit wie möglich hinauszögert, verliert beim Versuch, das Problem selbst zu lösen, oft kostbare Zeit, seine verbleibende Liquidität und das Vertrauen von Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern und Geldgebern.

Je rechtzeitiger Du Dich mit dem Thema auseinandersetzt, desto besser stehen die Chancen, eine drohende Insolvenz noch abzuwenden oder Dein Unternehmen mithilfe eines Insolvenzplans erfolgreich zu sanieren.