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Reverse-Charge-Verfahren: Umkehrung der Steuerschuldnerschaft erklärt

Oliver
Oliver Februar 2021 9 Min

Inhaltsverzeichnis

Das deutsche Umsatzsteuerrecht legt fest, dass ein leistendes Unternehmen die Umsatzsteuer für Geschäfte im Inland von seinen Kunden einholen und an das Finanzamt abführen muss. Bei Geschäften mit Unternehmen, deren Sitz sich im EU-Ausland befindet, tritt das sogenannte Reverse-Charge-Verfahren in Kraft. 

Was ist das Reverse-Charge-Verfahren?

Beim Reverse-Charge-Verfahren handelt es sich um eine Sonderregelung der Umsatzsteuer (engl. value added tax (VAT)), die die Umsatzsteuerschuldnerschaft bei grenzüberschreitenden Lieferungen umdreht. Das bedeutet, dass nicht der leistende Unternehmer die Umsatzsteuer an das Finanzamt abführen muss, sondern der Kunde. Dazu benötigen beide Unternehmen eine USt-Identifikationsnummer. Der leistende Unternehmer darf die Umsatzsteuer beim Reverse-Charge-Verfahren nicht auf seiner Rechnung ausweisen. Darüber hinaus ist er dazu verpflichtet, Kunden mit der Angabe Steuerschuldnerschaft des Leistungsempfängers auf ihre Steuerschuldnerschaft hinzuweisen. Die Rechtsgrundlage bildet in Deutschland § 13b Umsatzsteuergesetz (UStG).

Der Kunde profitiert von dem Vorteil, dass er nach dem Reverse-Charge-Verfahren zwar die Umsatzsteuer für den jeweiligen Erwerb tragen muss, diese aber gleichzeitig über den Vorsteuerabzug geltend machen kann. Darüber hinaus erleichtert das Reverse-Charge-Verfahren Geschäfte im EU-Ausland, den sogenannten innergemeinschaftliche Lieferungen, sowohl für Unternehmen als auch für die Finanzämter. Vor Einführung des Verfahrens kam es immer wieder zu Missbrauch durch Unternehmen: So wurde die fällige Umsatzsteuer zwar nicht abgeführt, die Vorsteuer aber trotzdem geltend gemacht. Um die Besteuerung im Empfängerstaat sicherzustellen, haben die EU-Länder zentrale Behörden eingerichtet, die die entsprechenden Daten untereinander austauschen. In Deutschland übernimmt das Bundeszentralamt für Steuern diese Aufgabe.

Die Unternehmen sind verpflichtet, die Behörden hier zu unterstützen und alle EU-weiten Geschäftsvorgänge in der Zusammenfassenden Meldung (ZM) anzugeben. Wer ist zur Anwendung des Verfahrens verpflichtet?

Das Reverse-Charge-Verfahren wird in der Regel bei grenzüberschreitenden Geschäftsvorgängen angewandt, kommt aber nur dann zum Einsatz, wenn es sich beim Leistungsempfänger um einen Unternehmer oder eine juristische Person handelt. Zwingend anzuwenden ist es bei allen Geschäften, die in § 13b Abs. 2 UStG festgehalten sind. Dazu gehören unter anderem: 

  • Grenzüberschreitende Werklieferungen innerhalb der EU
  • Umsätze, die unter das Grunderwerbssteuergesetz fallen
  • Gebäudereinigung
  • Goldlieferungen
  • Bauleistungen
  • Lieferung von Elektronik 

Das Reverse-Charge-Verfahren wird mittlerweile in der gesamten EU bei grenzüberschreitenden Geschäften genutzt. Dabei gelten von Land zu Land unterschiedliche Regelungen. So fallen beispielsweise in der Schweiz Beratungsleistungen unter das Reverse-Charge-Verfahren. Lieferungen, die in einem Land vom Reverse-Charge-Verfahren betroffen sind, können in einem anderen davon befreit sein. 

Umsatzsteuerbefreite Unternehmen

Kleinunternehmer sind in Deutschland von der Pflicht, Umsatzsteuer zu zahlen, befreit. Das Reverse-Charge-Verfahren ist für sie aber dennoch von Bedeutung, wenn sie an Geschäften im europäischen Ausland teilnehmen. In diesem Fall benötigen sie eine Umsatzsteuer-ID (USt-IdNr.). Diese lässt sich einfach beim Bundeszentralamt für Steuern beantragen.

Wie funktioniert das Reverse-Charge-Verfahren in der Praxis?

Nehmen wir an, ein in Deutschland ansässiges Unternehmen verkauft einem niederländischen Kunden einen PC im Wert von 900 Euro. Mit dem Reverse-Charge-Verfahren wird die Rechnung mit dem Hinweis der Steuerschuldnerschaft des Leistungsempfängers erstellt. Die anfallende Umsatzsteuer wird nun von der niederländischen Firma direkt an das niederländische Finanzamt abgeführt. Da das Unternehmen vorsteuerabzugsberechtigt ist, holt es sich die Umsatzsteuer als Vorsteuer vom Finanzamt zurück.

Voraussetzungen für die Steuerschuldumkehr

In Deutschland wird das Reverse-Charge-Verfahren angewandt, wenn ein in Deutschland steuerbarer Umsatz an ein Unternehmen im europäischen Ausland erbracht wird. Dazu muss die Leistung in eine der folgenden Kategorien fallen: 

  • Es handelt sich um eine Werklieferung oder sonstige Leistung eines im Ausland ansässigen Unternehmens.
  • Ein Unternehmen im EU-Ausland erbringt eine B2B-Grundfallleistung.
  • Es handelt sich um Umsätze, die dem Grunderwerbssteuergesetz unterliegen.
  • Es handelt sich um die Lieferung von Gas über das Erdgasnetz oder Elektrizität durch Unternehmen im Ausland.

Die Vorteile des Abzugsverfahrens

Das Reverse-Charge-Verfahren vereinfacht den Aufwand gleichermaßen für den Leistungserbringer sowie für den Leistungsempfänger. Für den leistenden Unternehmer reduziert sich der Aufwand, da er den Vorgang nicht mehr dem Finanzamt melden muss. Dem ausländischen Kunden spart es die Mühe, sich an das deutsche Finanzamt wenden zu müssen. Das leistungsempfangende Unternehmen trägt zwar die Umsatzsteuer für die getätigte Leistung, macht diese jedoch über den Vorsteuerabzug steuerlich geltend. 

Nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Finanzbehörden profitieren vom Reverse-Charge-Verfahren: Es befreit sie von der Aufgabe, Steueransprüche im Ausland zu vollstrecken.

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So erstellst Du eine Reverse-Charge-Rechnung

Beim Reverse-Charge-Verfahren weist Du in der Rechnung nur den Nettobetrag aus. Die Umsatzsteuer darfst Du hier nicht ausweisen. Neben den üblichen Pflichtangaben ergänzt Du auf einer Reverse-Charge-Rechnung folgende Angaben:

  • Umsatzsteuer-ID des Leistungsempfängers
  • Reverse-Charge-Hinweis auf der Rechnung

Fehlerhafte Rechnungen führen dazu, dass diese möglicherweise nicht vom Finanzamt anerkannt werden und somit den Vorsteuerabzug verhindern. Das gilt übrigens nicht nur für Reverse-Charge-Rechnungen. 

Um eine Reverse-Charge-Rechnung zu verbuchen, musst Du als Rechnungsempfänger die Umsatzsteuer errechnen, die Du dem Finanzamt schuldest. Diesen geschuldeten Umsatzsteuerbetrag weist Du in Deiner Umsatzsteuervormeldung aus. Gleichzeitig handelt es sich aber auch um eine Betriebsausgabe und kann daher auch als Vorsteuer geltend gemacht werden.

Welche Folgen hat die fälschliche Ausweisung der Umsatzsteuer?

Weist ein leistendes Unternehmen trotz Reverse-Charge-Verfahren die Umsatzsteuer in einer Rechnung aus, ist er verpflichtet, die fälschlicherweise erhobene Steuer an das Finanzamt abführen. Der Leistungsempfänger bleibt Steuerschuldner und kann keinen Vorsteuerabzug geltend machen. Damit es nicht zur zusätzlichen Steuerlast kommt, sollte der leistende Unternehmer die Rechnung berichtigen und dem Empfänger die Umsatzsteuer zurückerstatten – anschließend bekommt dieser die Umsatzsteuer vom Finanzamt zurück. 

Wird das Reverse-Charge-Verfahren zu Unrecht angewandt, tritt die Vereinfachung gemäß Umsatzsteueranwendungserlass in Kraft. Diese besagt, dass „diese Handhabung beim Leistenden und beim Leistungsempfänger nicht zu beanstanden [ist], wenn sich beide Vertragspartner über die Anwendung von §13b UStG einig waren und der Umsatz vom Leistungsempfänger in zutreffender Höhe versteuert wird.“

Der Vorsteuerabzug des Leistungsempfängers

Im Reverse-Charge-Verfahren kann der Leistungsempfänger die geschuldete Umsatzsteuer als Vorsteuer abziehen, sofern die bezogenen Leistungen für sein Unternehmen bestimmt sind und es sich um vorsteuerabzugsberechtigte Ausgangsumsätze handelt. 

Für den Vorsteuerabzug, der sich aus dem Reverse-Charge-Verfahren gibt, ist keine ordnungsgemäße Rechnung erforderlich. Wenn der Leistende zu Unrecht die Umsatzsteuer ausweist, entfällt das Recht zum Vorsteuerabzug. Der Vorsteuerabzug wird in der gleichen Umsatzsteuervoranmeldung/Jahreserklärung wie die Reverse-Charge-Umsatzsteuer angemeldet.

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Das Reverse-Charge-Verfahren in EU-Ländern

Das Reverse-Charge-Verfahren kommt in sämtlichen EU-Mitgliedsstaaten zum Einsatz, wenn grenzüberschreitend sonstige Leistungen an EU-Unternehmer erbracht werden. Daher muss sich der Leistende, auch wenn er in Deutschland ansässig ist, nicht im EU-Ausland registrieren.

Die in Deutschland nicht steuerbaren sonstigen Leistungen müssen dabei in Zeile 41 der Umsatzsteuervoranmeldung festgehalten werden. Ebenfalls ist es notwendig, die Vorgänge beim Bundeszentralamt für Steuern anzugeben.

In Deutschland regelt § 13b UStG die Anwendung des Reverse-Charge-Verfahrens. Da die Staaten verpflichtet sind,  EU-Regelungen in nationales Recht umzuwandeln, kann die Rechtslage jedoch von Staat zu Staat variieren. Es lohnt sich, im jeweiligen Einzelfall zu erfragen, ob und in welcher Form das Reverse-Charge-Verfahren im jeweiligen Land zum Einsatz kommt. 

Reverse-Charge-Verfahren für ein Drittland

Bei der Umkehrung der Steuerschuld musst Du unterscheiden, ob sich leistende Unternehmen im EU-Ausland oder in einem sogenannten Drittland außerhalb der EU sitzt.

Nimmst Du beispielsweise eine Dienstleistung eines Unternehmens mit Sitz in den USA in Anspruch, gilt der Ort, an dem der Leistungsempfänger seinen Sitz hat, als Erfüllungsort. In diesem Fall ist der Leistungsempfänger im Inland umsatzsteuerpflichtig. Das Reverse-Charge-Verfahren wird angewendet, wenn auf der Rechnung der US-Firma keine Umsatzsteuer ausgewiesen und auf das Reverse-Charge-Verfahren hingewiesen wird.

Verträge mit im Ausland ansässigen Firmen

Die Verpflichtung zur Übernahme der Steuerschuldnerschaft gilt grundsätzlich für Verträge mit im Ausland ansässigen Unternehmen, die die Erbringung von Werklieferungen und sonstigen Dienstleistungen in Deutschland betreffen.

Als im Ausland ansässige Unternehmen gelten Betriebe, die in Deutschland weder einen Wohn- noch Firmensitz, eine Geschäftsleitung oder eine Betriebsstätte haben. Dabei ist es irrelevant, ob sie eine Betriebsstätte im Inland haben, da ein Unternehmen nur dann als in Deutschland ansässig gilt, wenn die Leistung auch von eben dieser Betriebsstätte ausgeführt wird. 

Ein Nachweis ist jedoch nicht immer unproblematisch, weswegen das Unternehmen Dir eine Ansässigkeitsbescheinigung vorlegen sollte. Im Zweifelsfall solltest Du als deutscher Auftraggeber diese Bescheinigung anfordern, um das Risiko zu vermeiden, dass Deine eigene Steuerschuld verkannt wird.

Die Anwendung des Schnellreaktionsmechanismus

Seit 2015 gilt der unionsrechtliche Schnellreaktionsmechanismus als nationales Recht. Im Rahmen dessen kann der Anwendungsbereich des Reverse-Charge-Verfahrens kurzfristig erweitert werden.

Ausnahmen gab es bisher nur dann, wenn der betroffene Mitgliedsstaat diese in einem aufwendigen Verfahren beantragte. Nun gibt es die Option, den Leistungskatalog des Verfahrens einigermaßen unbürokratisch zu erweitern. Die Erweiterung ist dabei auf maximal neun Monate beschränkt. Nur wenn der Europäische Rat die Erweiterung bestätigt, darf die Bundesregierung unbefristet an dieser festhalten. 

Für Unternehmer bedeutet das, sich in der Zukunft auf weitere Anwendungsbereiche einstellen zu müssen. Falls Du als leistender Unternehmer in den Anwendungsbereich der Steuerschuldumkehr fällst, solltest Du unter anderem

  • Deine Kunden informieren
  • Deine Fakturierung anpassen
  • Deine Rechnungsformulare anpassen
  • Dein Buchungsverhalten anpassen
  • Möglicherweise gewährte Übergangsfristen beachten

Leistungsempfänger, die davon betroffen sind, sollten

  • Möglicherweise gewährte Übergangsfristen beachten
  • Nur noch Nettorechnungen akzeptieren und keine Umsatzsteuer an den Lieferanten auszahlen
  • Ihr Buchungsverhalten anpassen

Checkliste Reverse-Charge-Verfahren

Obwohl das Reverse-Charge-Verfahren europaweit Anwendung findet, sind die Bestimmungen der Länder zum Teil unterschiedlich. Bei Unklarheiten zieh daher besser Deinen Steuerberater hinzu, bevor Du riskierst, auf der Steuerlast sitzen zu bleiben. Grundsätzlich kannst Du Dich an den folgenden Punkten orientieren:

  • Fällt ein Geschäft unter die Regelungen des § 13b Abs. 2 UStG?
  • Dann führt der Leistungsempfänger die Umsatzsteuer ab und kann sie als Vorsteuer absetzen.
  • Der leistende Unternehmer muss auf seiner Nettorechnung den Hinweis zum Reverse-Charge-Verfahren ausführen.
  • Die Reverse-Charge-Rechnung muss sowohl Deine als auch die Umsatzsteuer-Identifikationsnummer Deines Kunden enthalten.

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